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Alternativ = Lug und Betrug?

Alternativ = Lug und Betrug?

18. Dezember 2015 17:040 Kommentare

Die Unheiler. So war ein Beitrag überschreiben, den ich per Mail von Correctiv.org zum Überthema „Alternative Heilmethoden“ zuschickt bekommen habe. Der Wissenschaftsjournalist Hristio Boytchev schreibt in einer längeren Reportage von den Abwegen von Geistheilern und anderen selbsternannten Medizin-Experten, die mit der Schlumedizin nicht viel im Sinn haben.

Krebs zum Schein

Als Nico Schulze besucht er Heilpraktiker in ganz Deutschland und berichtet von Erfahrungen, die er als vermeintlicher Leukämie-Patient sammelt. Seine Morbus Hodgkin-Erkrankung ist jedoch nur vorgetäuscht, die von seinem Arzt, empfohlene Chemotherapie nur erfunden. Die Beweismittel, CT-Aufnahmen mit Metastasen, stammen nicht von ihm.

Wer ein begeisterter Schulmediziner ist, wird den Text mit Vergnügen lesen. Nico alias Hristio berichtet von Therapievorschlägen, die einem die Haare zu Berge stehen lassen, von „innerer Einkehr“ über „Fiebertherapie“ und der Schönheit des Sterbens. In seiner Auswahl von acht Therapeuten gab es nur einen, der ihn vernünftigerweise zurück an den Leukämie-Experten geschickt hat.

Überflüssige Heilpraktiker?

Zwischendrin stehen dann aber immer Bemerkungen, dass Heilpraktiker doch eigentlich nichts anderes als Quacksalber wären. „Die Ausbildung ist kaum geregelt, so gut wie jeder kann ohne praktische Kenntnisse Heilpraktiker werden.“ und „Wir brauchen diesen Berufsstand nicht“, zitiert er Jutta Hübner von der Deutschen Krebsgesellschaft. Stimmt das wirklich? Die amtärztliche Heilpraktiker-Prüfung setzt ein intensives Medizin-Wissen voraus – die Durchfall-Quote ist dementsprechend hoch.

Mit einer Krebserkrankung zum Heilpraktiker zu gehen und nach Alternativen zur Chemotherapie zu fragen. ist meiner Meinung nach ein extremes Beispiel. Meiner Meinung nach hat sich Boytchev ganz gezielt diejenigen Exemplare der Zunft heraus gesucht, von denen er sich das beschriebene Ergebnis erwarten konnte. Daraus auf die „Überfüssigkeit“ und die Qualität der Behandlung bei einer ganzen Berufssparte zu ziehen, halte ich für gefährlich. Auch unter den Schulmedizinern gibt es schwarze Schafe, denen ich lieber nicht mit einer ernsthaften Krankheit begegnen möchte.

Alternativ und Schulmedizin gehen zusammen

Unter den Kommentaren, die ich auf meine DocCheck-Artikel bekommen habe, finden sich etliche Beispiele wie etwa „Was kümmern mich Leitlinien und Studien“, mit meiner langjährigen Berufserfahrung mit tausenden von Patienten liege ich viel besser!“ Schade, dass der Autor des „Correctiv“-Artikels nicht auch die Gegenseite zu Wort hat kommen lassen. Menschen, wie etwa Gustav Dobos vom Klinikum Essen-Mitte und Inhaber eines Lehrstuhls für Integrative Medizin. Er kombiniert alternative Ansätze zusammen mit einer erfolgreichen Schulmedizin entsprechend neuesten Erkenntnissen. „Gemeinsam gegen Krebs“ Warum Naturheilkunde und Onkologie zusammenarbeiten müssen“ lautet eines seiner Bücher.

„Die Unheiler“ spricht kurz an, warum es immer mehr Menschen zur alternativen Medizin hinzieht. Es ist der Mangel an Zeit, das Gefühl als Patient nur mehr in einer Gesundhheits-Optimierungs-Maschine zu stecken, deren extrem hohe Investitionskosten mit häufigen Operationen und Einverständnis der Krankenkassen wieder hereinkommen müssen. Boytchev hat recht, wenn er schreibt: „Doch so lange die Schulmedizin nicht genügend kompetente Ansprechpartner anbietet, die sich Zeit für ausführliche Beratung und eine empathische Beziehung zum Patienten nehmen, solange werden charismatische Heiler ihr Publikum finden.“

Wenn sich Ärzte mehr Zeit für die Geschichte ihres Patienten nehmen würden und diese Zeit auch von den Kassen honoriert würde, dann gäbe es vielleicht weniger dieser Heiler, wie sie in der Reportage vorkommen. „Die Unheiler“ polarisiert – und das ist wohl auch Absicht. Ebenso könnte man jedoch auch eine Reportage über die Irrungen der Schulmedizin schreiben. Meiner meinung nach haben Heilpraktiker ihre Berechtigung, wenn sie um ihre Grenzen wissen. Und wenn solche Reportagen eher die Diskussion als Vorurteile fördern, dann fänd ich das gut. Alternativ ist eben nicht immer nur Lug und Betrug,

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